Edekarrr

Anspannung. Man kennt das. Die Lunten werden kürzer. Die Schlange länger. Mit jedem Einkaufswagen. Auch an diesem Tag. Dann kam der berühmte Tropfen. Ein junger Mann wagte es zu fragen, ob er einen Platz überspringen könnte, da er nur einen Müsliriegel kaufen wolle. Vor ihm erledigte nämlich eine Mutter mit Kind und vier vollen Einkaufswagen den Wocheneinkauf für ihre mehrköpfige Familie. Höflich ließ sie den Mann vor.

„Ach, na wir scheinen es ja nicht so eilig zu haben!“ krakeelte eine ältere Frau von hinten und stach vor der verdatterten Mutter seitwärts, wie ein Schlachtschiff, in die Lücke, die sich hinter dem Jungen kurz auftat. Riskantes, aber gekonntes Manöver, dachte ich. Das weitere Geschehen verfolgte ich von einem sicheren Platz am Zeitschriftenregal. Die alte Frau bezahlte schnell und war weg.

„Na dann!“ eine füllige und patente Frau mit keckem Kurzhaarschnitt bahnte sich den Weg ein paar Wagen nach vorne. Sie rammte einen älteren Mann zur Seite. Dieser strauchelte und fiel fast in das Weinregal. Ein Pappaufsteller von Haribo verhinderte Schlimmeres. Die junge Mutter war mittlerweile komplett aus der Spur gedrängt worden.

Von hinten kamen zwei beige gekleidete Personen (männlich und weiblich) aus dem Gang. Der Rentner-Eingreiftrupp. Im Namen der überforderten Mutter und des Mannes, der sich gerade von seinem Sturz in den Haribo-Bären erholte, stellte der Alpha-Rentner die Walküre zur Rede: „In Warteschlangen hat NIEMAND jemals genug Zeit. Ich kenne das aus vergangenen Schlachten, gute Frau. Nun erweisen sie sich als  rechtschaffene Magd (in meinen Ohren klang es so), lassen diese junge Mutter wieder in die Schlange und reihen sich ein, wie es sich gehört“. Dieser unendlichen Erfahren- und Weisheit hatte sie nichts entgegenzusetzten. Die beiden Rentner reihten sich nun vor ihr ein und demütigten sie somit vollends.

Die allgemeine Stimmung war am kippen.

Um ein wenig Pfeffer in den Laden zu bringen, rief ich von der Zeitungsinsel aus: „Hier macht gleich eine neue Kasse auf!“.

Ohne zu überprüfen, wer da gerufen hatte, wurde die Masse unruhig. Unauffällig ging ich durch das leichte Gewirr zur anderen Seite der Kassen und rief: „Hier auch!“. Die Menge drehte durch. Wie ein Moshpit bei Rock am Ring.

Die Kassiererinnen saßen auf ihren Drehstühlen und sahen dem Treiben hilflos zu. Auf einmal flog eine Packung Curry-King durch den Laden und verfehlte einen Hipster nur knapp. Die rotbraune Suppe ergoss sich jedoch ungewollt präzise über seine Laptop-Tasche aus gewachstem Rindsleder. Ein angetrunkener Maurer hatte die Nerven verloren.

Der Bann war gebrochen. Gesellschaftliche Konventionen wurden über Bord geworfen.

Ein beherzter und platzierter Schlag mit einem ganzen Lachs von der Fischtheke peitschte laut durch den Laden und setze den heraneilenden Filialleiter umgehend K.o. Der fülligen Frau war der Kragen geplatzt. Sie wollte ihre Ehre wiedererlangen. Um keine Zweifel zu lassen, hatte sie zum Fisch gegriffen.

Die Kassiererinnen verschanzten sich im bisher leeren Büro des Ladendetektivs. Das Chaos übernahm die Regie.

Der Anführer der Rentner-Fraktion war mittlerweile vermummt. Er hatte eine kleine Armee rund um seine Trümmerfrau, der höflichen Mutter nebst Kind und dem angeschwipsten Maurer um sich geschart. Verschanzt in einem kleinen Fort aus Einkaufswagen, Windeln und Klopapier wähnten sie sich vor Feindbeschuss geschützt.

Die Angreifer hatten sich mit der einst vorlauten und nun zutiefst verletzten Walküre solidarisiert. Sie formten eine Guerilla aus zwei Familienvätern, dem Hipster und Randaletouristen aus der nahegelegenen Grundschule, die gerade große Pause hatten.

Zahlenmäßig überlegen und mit Eiern bewaffnet, robbten sie durch die schmalen Durchgänge an den Kassen. In einem vermeintlich günstigen Moment warfen sie die Eier wie Granaten auf das Rentnerfort. Der Anschlag wurde hastig mit Mehl gekontert. Eine zementgleiche Masse entstand und machte das Geläuf des Schlachtfeldes ungleich schwerer.

Das wurde dem rennenden Kind zum Verhängnis, welches sich von der höflichen Mutter losgerissen hatte und über das Schlachtfeld rannte. Der kleine Jonas peilte zielsicher das Gummibärchen-Regal an, als er in der künstlichen Kraterlandschaft fiel. Instinktiv rannte die Mutter hinterher. Sie waren nun in den Fängen der Guerilla und ergaben sich.

Angesichts der ersten Verluste bekam der vermummte Rentner Tränen in den Augen. „Jonas und Brigitte waren feine Kameraden. Sie hätten kriegsentscheidend werden können. Oh Jonas, du warst noch so jung…“ mit ernster Miene presste er hervor: „Wir müssen ihn rächen. Sein Wagemut soll nicht umsonst gewesen sein.“

Kampferprobt und mit ernster Miene murmelte er: „Jetzt wird’s dreckig!“ . Der Maurer schraubte zwei Gläser mit entkernten Schattenmorellen auf und die Rentnerin belud mehrere Suppenkellen aus der Tchibo-Abteilung. Wie bei einem Pfeilangriff zu Zeiten der Indianerkriege verdunkelte sich die Supermarktdecke und ein Regen aus gezuckerter Kirschsuppe ergoss sich über der Guerilla. „Meine Bluse!!!Das ist Seide!“ rief die kecke kurzhaarige Walküre spitz und laut. Der Rentner-Rambo stand auf und schrie gerade : „Rache für Jonas!!!“, als ihn ein Mohrenkopf aus den Reihen der Grundschüler hart und platziert ins Auge traf.

„Aaaaah, meine Kontaktlinse!“ Er fiel nach hinten um.

Führungslos und verbittert ob ihres herben Verlustes, schwenkte die Frau des Gefallenen einen weißen Fetzen Klopapier an einem Selfiestick (Tchibo). Der Maurer schlief. Ich lief langsam zum Kassierer-Bunker und flüsterte: „die Lage hat sich beruhigt. Wo soll ich die zwei Euro für die Sport-Bild hinlegen?“

 

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