Der Untergang

Ak-Glueckwunsch-Neujahr-Landstreicher-Zylinder-Schnapsflasche

Kopfschütteln. Tränen in den Augen. Ein wenig Rotze tropfte aus meiner Nase. Ist jetzt auch egal dachte ich. Aufbauende Worte meines mich stützenden Kumpels halfen nicht. Allen, die mir entgegenkamen bot sich ein Trauerspiel. Der Gang nach Canossa. Ein erniedrigender Bittgang. Bitte nehmt mich zurück in die Arme der Gesellschaft. Lasst mich nicht außen vor. Ich hatte das Verlangen, mich in die Dusche zu setzen und manisch wippend zu weinen.

 

 

Wie konnte es dazu kommen? Was war passiert an diesem Samstag Nachmittag?

Nun, ich muss etwas ausholen:

Eigentlich wollte ich bei einem Freund Fußball gucken. Noch etwas verstrahlt vom Vorabend und in der Annahme, es würde kein weibliches Publikum zugegen sein, nahm ich natürlich kein Bad mehr. Ich zog die bequeme und etwas befleckte Baumwoll-Jogginghose an, meine alten, löchrigen und ausgelatschten Chucks, meinen second-hand Armee-Parker und meinen Kapuzenpulli vom Abi mit dem kaum noch lesbaren, sowie wenig originellen Spruch: „ABIKEA 2003 – lernst du noch oder lebst du schon?“. In diesem haute couture verdächtigen Outfit wollte ich gerade die Wohnung verlassen, als mich gerade rechtzeitig ein Anruf des Gastgebers erreichte.

„Bringst du noch ein paar Biere mit? Und meinen Schlafsack, den ich letztens bei dir vergessen habe?“

Glücklicher Weise lag direkt auf dem Weg ein Kaiser’s. Umweltliebend nahm ich zwei ältere Plastiktüten mit, eine für das Bier, die andere für den Schlafsack.

Bei Kaiser’s angekommen ging ich schnurstracks in die Getränkeabteilung. Ich wollte meinen Auftrag ordnungsgemäß ausführen und Biere kaufen. Preisbewusst wie ich bin, wählte ich eine Biersorte, die in vielen Supermarktregalen etwas weiter unten zu finden ist. Ich ging direk zur Kasse, ließ die Kassiererin den Zigarettenknast öffnen, nahm mir noch ein paar Kippen und bezahlte.

Vor der Tür erwartete mich ein schöner, sonniger und kalter Wintertag. Um meinen erfolgreichen Einkauf zu feiern, öffnete ich mir das erste Bier des Tages mit einem Feuerzeug, steckte mir eine Zigarette damit an, stellte die Tüten mit dem Schlafsack und den Bieren neben mich und nahm den ersten, erfrischenden und großen Schluck.

Dann…tippte mich jemand von hinten an. Ich drehte mich um. Mir gegenüber stand ein Mann und hielt mir zwei Euro hin. Als er mich von vorne Sah, nahm er die Hand mit den 2 € schnell wieder weg. „Oh entschuldigen Sie! ich dachte sie wären ein…“

Wagen Sie es nicht!!! dachte ich. Obdachloser? Penner? Bettler? Landstreicher? Wohnungssuchender?  Ja ja… Nur weil ich am hellichten Tage vormittags ein Billigbier trinke? Unrasiert und unvorteilhaft gekleidet bin? Unangemessen kaputte Schuhe trage? Eine etwas fahle Gesichtsfarbe vom Vorabend habe? Eine alte Plastiktüte mit Schlafsack bei mir trage? Insgesamt eine unangenehme Erscheinung abgebe?

In diesem Moment wurde es mir bewusst. Rein optisch würde man mich wohl eher in die Welt aus Zwielicht, Hunger und einsamen Nächten unter dem nackten Himmelszelt einordnen… Ich schluckte.

Nur die guten Zähne schienen mich in diesem Moment noch von der Welt des Lichtes, des Glamours und der anderen, dunklen und trostlosen Welt zu unterscheiden. Ich brach zusammen… Mit letzter Kraft wählte ich die Nummer meines Freundes. Ich war am Ende. Rock bottom

4 Kommentare zu „Der Untergang

  1. Tja, eigene schuld würde ich sagen. So kann man ja zuhause rumgammeln. Aber wenn man unter Leuten geht sollte man schon etwas besser gekleidet sein. Stell dir mal vor du sitzt so schön bequem bei deinem Kumpel und auf einmal schellt es an der Tür und 3 Mädels stehen dort für einen spontan Besuch.
    Ich geh zwar auch mit Jogginghose zur Mülltonne aber nicht wirklich weiter.

    Gefällt 1 Person

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